Nachkriegsgeneration – Der stille Kampf gegen die vererbten seelischen Trümmer

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 „Und wenn ich dir bei deinen Geschichten lausche Pa, auch wenn sie sich immer  wiederholen und ich sie in und auswendig kann, dann lerne ich dich dennoch immer mehr kennen. Hinter deinen endlosen Geschichten über die Tollerreien in deiner Jugend, versteckst du einen größeren Berg an unerzählten Dingen, die dir auf der Seele lasten. Es sind Erlebnisse, die ich, als über ein halbes Jahrhundert später Geborene, mir nicht vorstellen vermag. Und dennoch sitze ich immer noch da, folge deinen Worten und erfreue mich über jede kleine Neuheit, die du erzählst. Ich möchte den Schmerz und die Spuren kennen, die der Krieg hinterlassen hat. Denn nicht nur du, der so viel erlebt hat- sondern auch der Großteil meiner Generation, hat nie gelernt über die Dinge, die ihnen auf der Seele lasten, zu sprechen. Obwohl wir uns jetzt im Wohlstand befinden, sind wir emotional auf ständiger Gefächtsstation- der Krieg und seine Trümmer sind immer noch da, in jedem von uns.“


Fotos: Die Fotos sind von Geisler El-Obeid und Amitola Fotografie geschossen worden. Schaut unbedingt mal bei ihnen rein!

Nachkriegszeit
Geldprobleme, Nahrungsmittelmangel und hinterlassenes Hab und Gut, ist nur ein kleiner Teil, der die Menschen prägte. Sie waren damit beschäftigt, alles wieder aufzubauen, sich ein neues Zuhause zu schaffen, die Mäuler der Kinder zu stopfen. Es gab so viel zu tun, dass sich die perfekte Möglichkeit bot,   vor den geschehenen Ereignissen und dem entstandenen Schmerz zu flüchten. Geredet wurde nicht viel über das, was war- wenn die Kinder die Eltern fragten, wurden sie meist mit Schweigen bestraft. Jedenfalls wenn es ein guter Tag war. Ansonsten wurde nicht viel über das Geschehene gesprochen- das, was ihnen auf der Seele lastet. Dafür war ja auch keine Zeit.

Doch auf den Trümmern der Vergangenheit lässt sich keine stabile Zukunft bauen.IMG_5128 Vielleicht schafft man es, ein halbwegs stabiles Fundament zu erschaffen. Doch die schmerzvollen Erfahrungen bringen immer wieder alles ins Wanken. Denn was nicht an die Oberfläche kommt, schlummert tief im Inneren, wie eine schwere Zeitbombe, die weiter gereicht wird.

In dieser Zeit bist du geboren Pa. Für mich sind deine Erzählungen unvorstellbar, auch wenn ich es versuche. Dank eurer Arbeit ist es möglich, dass meine Generation ein wohlhabenes Leben führen kann. Ohne die Art von Leid, die du erfahren musstest. Doch das Haus fängt immer wieder an zu beben. Du hast nie gelernt, über deine Gefühle zu sprechen- so lernte auch ich das Verdrängen kennen. Doch schon in meinem Kindesalter warst du mit meiner Art überfordert: meine Neugier über die Geschichten konfrontierte dich immer mehr. Wenn ich dir Fragen stellte, die deine einstudierten Geschichten hinterfragten, Fragen die tiefer gehen, die Gefühle und Emotionen abverlangten, dann wechseltest du immer das Thema.

Durch die Strenge deiner Erziehung hast du nie gelernt über Gefühle zu sprechen- sie wurden einfach verdrängt. Du sagst mir immer: es gibt Dinge, die möchte man niemanden erzählen, man möchte niemanden diesem Schmerzen aussetzen. Aber wann wirst du merken, dass es für mich der größte Schmerz ist zu sehen, dass du so einsam bist mit deinen Gedanken? Tag für Tag frisst du immer mehr in dich hinein, du wirst krank und ja selbst wenn es dir wirklich schlecht geht, sagst du nichts.

Der Kummer, der nicht spricht, nagt leise an dem Herzen, bis es bricht.
-William Shakespeare

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Kummer, Schmerz, unterdrückte Gefühle- sie machen einen krank, sie sind wie Gift und es ist nur eine Frage der Zeit, bis dein Kreislauf ineinander bricht. Wir kennen das schon, du hast gerade noch mal Glück gehabt und überlebt. Doch 14 Jahre später hast du immer noch nicht dazu gelernt Pa – du verschweigst deinen Kummer, du verschweigst, wenn es dir körperlich schlecht geht- du performst immer weiter um das Haus standhaft zu halten.

Deine Generation Pa, hat es vielleicht geschafft Deutschland wieder aufzubauen und Kinder  großzuziehen, aber wir haben immer noch diese Probleme damit, über unsere Gefühle und Erlebnisse zu sprechen- wir sind Meister der Verdrängung und IMG_5131Oberflächlichkeit- Emotionen sind nur ein paar erwünscht- alle anderen gehören nicht zu unserer Gesellschaft, unserer Fassade. Doch sie sind da, wo Gutes ist, da ist auch Böses.
All das zu verdrängen ist gefählich- haben wir denn nicht aus den Lektionen der Vergangenheit gelernt?
An dieser Stelle ist Schluss für mich. Ich möchte nicht mehr mit ansehen, wie Menschen sich selbst vergiften, nur weil sie nie gelernt haben zu sprechen, nur weil sie Angst haben wieder zu vertrauen. Jeder von uns hat etwas, was ihn beschäftigt und dies zu verdrängen ist nie eine Lösung, sondern nur Treibsand, indem ihr immer mehr und mehr droht zu versinken und euer Selbst zu verlieren. Stell dir mal vor, wie dein Leben wär ohne diesen ständigen innerlichen Kampf, ohne diese ständige „Alles in Ordnung“ Performance? Dann wärst du frei und das Fundament wäre endlich standhaft. Die Trümmer wären verschwunden.


Und immer, wenn ihr mit  Menschen in Kontakt seid, Gespräche führt, dann hört ihnen doch mal richtig zu, gebt ihnen die Möglichkeit in euch einen Ort zu finden, wo sie sich endlich öffnen können. Wir sind so viele Menschen auf dieser Welt, aber doch so allein. Muss das sein? Wann merken wir, dass wir alle gleich sind- wir und unsere Ängste und Probleme? Sie verbinden uns. Erst wenn wir mit Anderen sprechen, merken wir, dass der Kummer zu verblassen scheint.

Unser materieller Wohlstand ist groß, aber dennoch finden wir Fluchtwege: Drogen, Arbeit, Reisen, Essen, Beziehungen… wann fangen wir endlich den Frieden in uns zu finden und den stillen Krieg zu beenden?

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2 comments on “Nachkriegsgeneration – Der stille Kampf gegen die vererbten seelischen Trümmer”

  1. Was für ein unheimlich berührender Beitrag Anna! Ich finde es auch immer wieder so interessant wenn mein Opa von seiner Kindheit erzählt und wie seine Mama geflohen ist und sie sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen mussten.. es ist wirklich wichtig für uns solche Gespräche mitzuhören, weil es bald niemanden mehr gibt der „live“ darüber reden kann.
    Die Bilder sind auch so so wunderschön geworden! Ich liebe dieses dunkle mystische und das sie so viele Schatten beinhalten.. wirklich tolle Arbeit! ❤

    Liebst
    Pauline ❤

    http://www.mind-wanderer.com

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